Kardiologie & Gefäßmedizin
Endokrinologische Ausschlussdiagnostik bei Adipositas
Endokrine Erkrankungen sind äußerst selten Ursache für morbide Adipositas. Übergewicht und Adipositas Grad 1 und 2 hingegen sind häufig mit Hypothyreose, polyzystischem Ovar-Syndrom und Cushing-Syndrom vergesellschaftet. Gelegentlich kann jedoch eine ausgeprägte und meist sehr therapieresistente Adipositas nach Tumoren, Traumen, Operationen oder Bestrahlung des Hypothalamus auftreten.
Schilddrüsen-Erkrankungen
Trijodthyronin (T3) steigert die metabolische Rate, Thermogenese und nahezu alle Stoffwechselvorgänge, allerdings auch den Appetit und damit die Nahrungszufuhr. Die Steigerung des Energieverbrauchs überwiegt jedoch jene der Energiezufuhr. Hypothyreose hat daher häufig eine Gewichtszunahme zur Folge, die gelegentlich auch das Leitsyndrom darstellen kann. Die Diagnose der Schilddrüsen-Unterfunktion stützt sich in erster Linie auf die Bestimmung von TSH (Thyreoidea stimulierendes Hormon), eventuell ergänzt durch jene von freiem T4 und T3.
Polyzystisches Ovar-Syndrom
Mit den Schilddrüsen-Erkrankungen und Diabetes zählt das polyzystische Ovar-Syndrom zu den häufigsten endokrinologischen Erkrankungen. Es tritt bei etwa 10% der prämenopausalen Frauen auf, 50% davon sind adipös. Das polyzystische Ovar-Syndrom ist auch häufig mit Insulin-Resistenz, Diabetes mellitus Typ 2 und koronarer Herzerkrankung verbunden. Zur Diagnose müssen bei Ausschluss von kongenitaler adrenaler Hyperplasie, Cushing-Syndrom oder Androgen-produzierenden Tumoren zwei der im Folgenden angeführten Kriterien vorliegen (überarbeitete Rotterdam-Kriterien von 2003): Oligo- und/oder Anovulation, klinische oder biochemische Zeichen von Hyper-androgenämie, polyzystische Ovarien. Die Ursache der Adipositas beim polyzystischen Ovar-Syndrom ist nicht zur Gänze geklärt, es ist jedoch bekannt, dass Gewichtsreduktion sowohl zu einer Besserung der Hyperandrogenämie (klinisch und biochemisch) als auch der Regelanomalie führen kann.
Wachstumshormon-Mangel
Wachstumshormon (GH) ist ein anaboles Hormon, das die Differenzierung von Adipozyten inhibiert und die Lipolyse steigert. GH-Mangel, der bei Erwachsenen meist durch Hypophysen-Adenome bedingt ist, führt zu einer Zunahme der zentralen Fettmasse sowie zu einer Verminderung der Muskelmasse und Knochendichte. Diese Symptome sind durch GH-Substitutionstherapie rückgängig zu machen.
Hypercortisolismus
Cortisol wirkt antilipolytisch und steigert den Appetit und die Nahrungsaufnahme. Unabhängig davon, ob ein zentrales, peripheres oder ektopes Cushing-Syndrom oder eine Glukokortikoid-Therapie die Ursache für den Cortisol-Exzess darstellen, sind die Symptome mit zentraler Adipositas und Muskelatrophie allen Formen gemeinsam.
Die Ausschlussdiagnostik eines Cu-shing-Syndroms sollte zumindest aus zwei Tests bestehen (Dexamethason-Hemmtest und/oder Cortisol im 24-h-Harn und/oder Cortisol im Serum oder Speichel um 23.00 oder 24.00 Uhr). Die Differenzialdiagnose des Cushing-Syndroms ist meist aufwändig und sollte spezialisierten Zentren vorbehalten bleiben.
Sowohl als möglicher Mitverursacher der Adipositas als auch als potenzieller therapeutischer Ansatz ist in den letzten Jahren die 11β-Hydroxy-Steroid-Dehydrogenase (11β-HSD) identifiziert worden. Davon gibt es zwei Isoenzyme, wobei Typ 1 Cortison zu Cortisol reduziert und Typ 2 Cortisol zu Cortison oxidiert. Bei Adipösen ist eine vermehrte Aktivität der 11β-HSD Typ 1 im Fettgewebe beschrieben worden, die die zentrale Adipositas (mit)verursachen könnte. Dementsprechend sind zahlreiche Hemmstoffe der 11β-HSD Typ 1 als möglicher therapeutischer Ansatz bei Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt worden, die sich zurzeit im Stadium klinischer Erprobung befinden.
Sexual-Steroide
Da Testosteron ein anaboles Hormon ist, verwundert es nicht, dass Testosteron-Deprivation das Entstehen von Adipositas begünstigt. Auch Östrogene führen im Tierversuch über einen unbekannten Wirkungsmechanismus zu Anorexie und Abnahme der Fettmasse.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Hormonstörungen eine Ursache für die Entwicklung einer Adipositas darstellen können und deshalb deren Vorliegen bei Adipositas ausgeschlossen werden sollte (Tab). Dabei stellen insbesondere Hypothyreose, polyzystisches Ovar-Syndrom und Hypercortisolismus (endogen oder exogen) häufigere Ursachen dar. Seltener und anamnestisch zumeist gut erhebbar kommen hypothalamische Störungen in Frage. Bei morbider Adipositas schon in der Kindheit sollte jedenfalls auch an das Vorliegen eines genetischen Syndroms gedacht werden.


Autor: Univ.-Prof. Dr. Anton Luger, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Univ.-Klinik für Innere Medizin III, MUW
Letztes Update:17 Februar, 2010 - 12:29





