Adipositas infolge genetischer Disposition?
Adipositas ist ein Zustand, der gegenwärtig als chronische, multifaktorielle Erkrankung betrachtet wird, und gilt als ein weltweit fortschreitendes Problem. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann man von Adipositas ab einem Body-Mass-Index (BMI) von ≥30kg/m² sprechen. Waist-to-Hip-Ratio (WHR) und Körperimpedanzmessung sind mögliche Methoden zur Ermittlung der Körperfettverteilung und des Körperfettanteils.1
Bereits im Kindes- und Jugendalter steigt die Anzahl der Übergewichtigen bzw. Adipösen alarmierend an.2 Eine Störung der Energiebilanz zwischen Nahrungsaufnahme und -verwertung, welche über ein komplexes physiologisches System neuronaler und humoraler Signalwege sowohl peripher als auch zentral gesteuert wird, gilt als Ursache für Adipositas.3 Welchen Stellenwert die Genetik in der Ätiologie der Adipositas einnimmt, gilt es noch zu klären. Die Fettleibigkeit, verursacht durch exzessive Ansammlung von Körperfett infolge genetischer Prädisposition und/oder umweltbedingter Ursachen, ist assoziiert mit einer großen Anzahl von Komorbiditäten,4 wie Diabetes mellitus Typ 2, Dyslipidämie und Hypertension, welche unter anderem ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko darstellen.5
Obwohl umweltbedingte Faktoren sicherlich eine ausschlaggebende Rolle in der Entwicklung der Adipositas spielen, liegt der Adipositas unstrittig eine genetische Komponente zugrunde. Zahlreiche Theorien wurden bereits zur Thematik „Genetik und Adipositas“ aufgestellt, um die genetischen Aspekte von Adipositas erfassen zu können (Tab. 1).6

Grundlegende Erkenntnisse wurden mittels der sogenannten „Zwillingsstudien“ erforscht. Aufgrund der Zwillingsstudien, in denen monozygote und dizygote Zwillingspärchen auf anthropometrische Parameter wie Größe, Gewicht und BMI untersucht wurden, gab es erstmals Hinweise darauf, dass Adipositas eher infolge genetischer Disposition als durch Umwelteinflüsse hervorgerufen wird. Weitere Modelle zur Erforschung von monogenetischen Formen der Adipositas wurden sowohl in Mäusemodellen als auch am Menschen untersucht (Tab. 2). Nennenswert sind hier vor allem Forschungsergebnisse zu Leptin und Leptinrezeptor, Proopionomelanocortin (POMC), Melanocortinrezeptor 4 (MC4R). Leptin und MC4R spielen in der Nahrungsaufnahme, -verwertung und Appetitregulation eine entscheidende Rolle. Genetische Mutationen bzw. genetische Defekte führen zu einer Dysregulation, Hyperphagie und in weiterer Folge zu Adipositas. Weitere Studien widmeten sich der genomischen Analyse von Familienverbänden mittels „linking“. Wiederum andere identifizierten genetische Loci anhand genomweiter Assoziationsstudien (GWA-Studien). Die Basis dafür bilden die sogenannten HapMaps, ein internationales Projekt mit dem Ziel, Bereiche im menschlichen Genom mit gleichen genetischen Variationen zu definieren. Hierzu werden tausende von SNPs (single nucleotide polymorphism) von tausenden Testpersonen archiviert. Kürzlich konnte von zwei unabhängigen Arbeitsgruppen das erste Gen für „common obesity“, das „FTO“-Gen, identifiziert werden. FTO zeigt eine eindeutige Assoziation zwischen dem BMI und dem Risiko für Adipositas.
In den letzten Jahren konnte ein immenser Vorstoß in der „adipösen Genforschung“ beobachtet sowie eine beträchtliche Anzahl für Adipositas kodierender Gene identifiziert werden. Trotzdem sind noch etliche offene Fragen zu klären, um die Komplexität der physiologischen Prozesse bei Adipositas und die Rolle der Genetik erfassen zu können. In den nächsten Jahren können wir noch einige interessante und aufschlussreiche Forschungsergebnisse erwarten.


Referenzen:
1 Kopelman PG: Obesity as a medical problem. Nature 2000; 404: 635-643
2 Aggoun Y: Obesity, metabolic syndrome, and cardiovascular disease. Pediatr Res 2007; 61: 653-659
3 Bell CG, Walley AJ, Froguel P: The genetics of human obesity. Nat Rev Genet 2005; 6: 221-234
4 Fobi MA: Surgical treatment of obesity: a review. J Natl Med Assoc 2004; 96: 61-75
5 Meyers MR, Gokce N: Endothelial dysfunction in obesity: etiological role in atherosclerosis. Curr Opin Endocrinol Diabetes Obes 2007; 14: 365-369
6 Walley AJ, Asher JE, Froguel P: The genetic contribution to non-syndromic human obesity. Nat Rev Genet 2009; 10: 431-442
Autoren: Dr. Carmen Gelsinger, Univ.-Prof. Dr. Christoph Ebenbichler, Universitätsklinik für Innere Medizin I, Anichstraße 35, 6020 Innsbruck
Quelle: 10. Jahrestagung der Österreichischen Adipositas Gesellschaft: „Genetische Aspekte bei Adipositas“, 30. Oktober 2009, Schloss Seggau</i>
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